Ein Interview von Henry Holze (Webmaster dieser Website) mit Erik Ohlsson:
Intro:
Ich konnte nicht ahnen, dass es 10 Jahre dauern wird, bis Millencolin wieder nach Chemnitz kommen.
Als große Rockstars werdet ihr euch sicher nicht mehr an die Flying High Across The Sky Skate Tour im Chemnitzer AJZ in den Jahren 1997 und 1998 erinnern.
Damals hatte ich bereits für SachsenBoarders.de ein Interview mit dir geführt.
Jetzt möchte ich den Lesern von SachsenBoarders.de die Möglichkeit geben, zu erfahren, was ihr in der Zwischenzeit getan habt.

Fotos vom Konzert
E:
Wir gründeten die Band im Jahr 1992 in der schwedischen Stadt Örebro, wo wir stark von der Skateboardszene beeinflusst wurden. Wir sind alle Skateboard gefahren, lange bevor wir mit der Musik angefangen haben. Der Soundtrack der Skateboardvideos hat uns den Weg in die Welt des Punkrock geebnet und wir begannen mit unserer Band, mit der wir seit damals den ganzen Globus bereisen.
H:
Wie würdest du den Stil eurer Musik bezeichnen und von welchen Bands wurdet Ihr stark beeinflusst?
E:
Ich würde sagen, als wir angefangen haben, wurden wir stark von der kalifornischen Punkrockszene wie Operation Ivy, NOFX, Bad Religion und all diesen Leuten beeinflusst. Anfangs haben wir versucht deren Sound zu kopieren.
Und ich meine, das sind noch immer unsere musikalischen Wurzeln, allerdings haben wir das ganze weiter entwickelt, mehr so in unsere Richtung. Daher denke ich, dass wir inzwischen mehr wie Millencolin klingen. Wir müssen nicht mehr klingen wie die Bands, die uns in unserer Anfangszeit stilistisch beeinflusst haben.
H:
Mitte der 90er habt ihr hauptsächtlich Konzerte in Clubs gespielt. Freunde von mir haben euch zuletzt auf dem Southside Festival in Nordeutschland gesehen. Was bevorzugt ihr – Festivals oder kleine Club-Gigs?
E:
Ich mag beides, weil es einfach gut ist, wenn man in der Lage ist, beides zu spielen. Weißt du, Club-Konzerte sind schön. Ich liebe es einfach, wenn man so nah auf Tuchfühlung mit dem Publikum ist und so. Andererseits ist es aber auch cool, nachmittags unter freiem Himmel vor Tausenden von Leuten zu spielen. Man sollte auch auf Festivals spielen, weil einen dort Leute sehen, die noch nie zuvor etwas von Millencolin gehört haben. So kann man neue Fans gewinnen.
Aber ehrlich gesagt, mag ich es doch mehr, unsere kleinen Club-Konzerte zu spielen, weil, wie gesagt, der enge Kontakt zum Publikum besteht und man spät am Abend spielen kann, mit der eigenen Licht- und Tontechnik.
H:
Hast du einen Wandel bezüglich eures Konzertpublikums feststellen können?
E:
Ja, das ist tatsächlich unterschiedlich auf den verschiedenen “Märkten”.
In Deutschland haben wir wirklich viele Leute in unserem Alter, also Mittdreißiger, gesehen.
Andererseits sind da aber auch wieder jede Menge Kids, wo ich denke, dass es cool ist, verschiedene Altersgruppen zu erreichen. Weißt du, es ist nicht langweilig; ich mag alle, die unsere Musik lieben. Und es ist auch, wie schon einmal erwähnt, wichtig, neue Fans zu gewinnen, vor allem weil man im Alter von 20 Jahren einfach mal am häufigsten abends weg geht.
Natürlich bin ich aber auch super stolz drauf, dass ältere Fans noch immer mit uns abhängen. Es macht uns wirklich Riesen Spaß. In Schweden ist es übrigens genauso. Dort kommen viele Kids, aber andererseits haben wir noch unsere alten Freunde von früher und Fans in unserem Alter und älter, die zu unseren Gigs kommen. Und das ist wirklich cool!
H:
Kannst du uns etwas über die Fans aus Übersee sagen?
E:
Allerdings. Wir sind eben erst aus Südamerika gekommen. Das war das dritte Mal für uns, dass wir dort waren. Dort haben wir richtig große Shows gespielt, so vor ca. 50.000 Leuten. Die Leute in Brasilien sind verrückt. Sie vergöttern förmlich uns und wir lieben sie auch. Es ist einfach zu krass. Die Leute dort rasten immer völlig aus. Nach Ende des Konzerts stürmen sie immer fast die Bühne, um Fotos und so zu bekommen.
Anschließend haben wir in Chile und Argentinien gespielt. Dort haben wir festgestellt, dass Argentinier extrem höfliche Menschen sind. Während der Songs waren sie total diszipliniert – kein Schreien und Pfeifen, da sie versuchen, auf die Texte zu achten. Zwischen den Songs allerdings rasten sie allerdings auch aus. Das ist schon ein wenig anders dort. In Japan zum Beispiel ist es genauso. Die Leute sind absolut still während der Lieder.
In Australien und USA ist es aber genau wie hier, glaube ich.
H:
Im Jahr 2000 sah ich euer Video “Penguins and Polarbears” auf MTV laufen.
Das war für mich der Beginn eines neuen Zeitalters als „alter Millencolin Fan“. Hast du das ähnlich empfunden?
E:
Ja, das war definitiv der Beginn einer neuen Era von Millincolin, als “Penguins and Polarbears” erschien.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir wirklich stark von der kalifornischen Punkrockszene beeinflusst worden. Wir haben dieses Album aufgenommen und anschließend ausgiebig getourt, gingen wieder in’s Studio, um „Four Monkeys“ aufzunehmen. Und nach „Four Monkeys“ dachte Nikola unser Sänger daran, das dass was zu Beginn für ihn gewesen ist, auf einmal weg war. Wir haben so viele Konzerte bis dahin gespielt. Daher dachte er sich, dass er einmal etwas anderes machen sollte. Also ging er zurück zur Schule. Das war 1999. Wir haben nie die Band aufgelöst, aber wir haben eine kurze Schaffenspause von 9 Monaten eingelegt. Ich habe in dieser Zeit im WeSC Skateboard Shop in Örebro gearbeitet und so.
Dann kam eines Tages Brett Gurewitz von Bad Religion, der Eigentümer von dem amerikanischen Plattenlabel Epitaph und wollte mit uns ein Album produzieren. Das hat uns natürlich umgehauen, weil wir immer zu ihm aufgeschaut haben und es für uns schlechthin der Hammer war, ein Album in Hollywood bei Westbeach Recordings aufnehmen zu dürfen. Wir kannten diesen Sound schon so lange, weißt du.
In diesen 9 Monaten wurden wir aus allen möglichen Richtungen beeinflusst. Daher wurde Pennybridge Pioneers” so viel besser als die ersten drei Alben, wenn du mich fragst.
Mit MTV, ja, das kann vielleicht sein. „Da Strike“ war das erste Video von uns, das bei MTV Schweden gezeigt wurde.
Eine Zeitlang waren wir nicht erfreut, dass Mainstream-Sender unsere Videos spielten.
Aber dann nach einer Weile sagten wir uns “Was soll’s!”, wenn du verstehst, was ich meine. Heutzutage wird die Musik überall gespielt – im Netz und auch auf MTV.
Niemand macht sich mehr darüber einen Kopf. Es bedeutete uns damals viel, wir waren damals richtige Punks. Wir wollten so unabhängig sein wie möglich. Und ich glaube, das ist großartig, aber nichts ist heutzutage mehr unabhängig. Es ist nichts mehr so wie damals. Es ist hart für jeden von uns.
H:
Werden eure Lieder von schwedischen Radiosendern gespielt, ich meine, wie hierzulande Songs von den Beatstakes oder Die Ärzte?
E:
Es gibt unterschiedliche Radiosender in Schweden. Einer ist P3, der viel Independent Musik oder wie ich es bezeichnen würde, ordentliche Musik, spielt.
Etliche schwedische Sender spielen „Supermainstream“. Wir werden zwar nicht auf diesen Sendern gespielt, aber dafür auf P3. Aber das ist schon OK so, weil P3 ein Sender ist, auf dem wir auch gespielt werden wollen. Es ist wirklich hart heutzutage. Man ist im Internet, zu dem quasi jeder Zugang hat – das ist auf jeden Fall irgendwie auch Mainstream. Ich meine, ich kenne das Gefühl selbst nur zu gut. Man hat da etwas für sich selbst. Die Zeiten haben sich gewandelt, aber wir sind nach wie vor die gleichen Typen mit denselben Idealen wie damals.
H:
Als ich 1997 bei der Vans Warped Tour in München gewesen bin, sah ich einige von euch zwischen Skatehalle und Konzerthalle Skateboard fahren. Ich war stark beeindruckt als ich sah, wie leicht ihr Tricks aus dem Ärmel geschüttelt habt. In meinem letzten Interview hast du mir erzählt, dass einige von euch sogar gesponserte Skateboarder wart. Weil ich fast genauso alt bin wie ihr weiß ich nur zu gut, dass es schwer ist, unverletzt zu bleiben und neue Tricks zu lernen, sei es nun auf dem Skateboard oder auf dem Snowboard. Fährt einer von euch noch immer Skateboard oder Snowboard?
E:
Ja, tatsächlich habe ich mir vergangenen August eine Miniramp auf meinem Grundstück gebaut. Das war so eine Art Jugendtraum von mir. Ich bin nicht viel in den letzten Jahren geskatet. Weisst du, ich bin hin und wieder mal Skateboard gefahren und auch nicht mehr auf dem Level wie früher. Jetzt skate ich aber wieder jeden Tag, gleich nach dem Aufstehen. Das ist genial.
H:
Was glaubst du, kommen noch immer viele Skateboarder und Snowboarder zu euren Konzerten?
E:
Ja, klar. Es ist allerdings schwer zu erkennen was die Leute machen, weil die Boardfashion inzwischen zum Mainstream geworden ist. Erst wenn man sich mit den Leuten unterhält, erfährt man, ob sie noch nie auf einem Skateboard gestanden haben oder Pro Rider sind. Es ist aber noch immer dasselbe Publikum wie damals. Ich denke aber, es entwickelt sich inzwischen etwas mehr zurück in Richtung Skateboarder als Publikum. Das spür ich irgendwie.
H:
Eine Menge meiner Freunde sind inzwischen verheiratet oder haben Kinder. Wie bekommt ihr das geregelt, wenn ihr einerseits auf Tour seid, andererseits aber Frauen und Kinder zu Hause zurück lasst oder nehmt ihr sie mit auf Tour?
E:
Mathias, der zweite Gitarrist, und ich haben bereits Kinder. Meine kleine Tochter kam vor ca. einem Jahr auf die Welt und Mathias’ Sohn ist sechs Monate alt. Das ist alles absolut anders als ich es mir vorgestellt habe, aber ich genieße noch immer das Tourleben. Ich filme sie mit meiner Videokamera und hab dann alles auf meinem Notebook. So funktioniert das.
Natürlich wollte ich irgendwann Kinder. Es war auch Zeit. [Erik’s Handy klingelt...]
Es ist vermutlich meine Freundin.
[Erik telefoniert eine Weile mit seiner schwedischen Freundin.] Ja, das war meine Freundin. Vermutlich hat sie jetzt meine Tochter zu Bett gebracht.
Ja, also ich hatte in all den Jahren eigentlich immer irgend eine Freundin zu Hause in Schweden gehabt. Und dass man seine Püppi, die man zu Hause zurück lässt vermisst, ist auch logisch. Aber ich habe gelernt, zwischen privat und meiner Tour-Persönlichkeit hin und her zu schalten. Natürlich sorgt man sich um die Leute, die man zu Hause zurück lässt, allerdings treten wir noch heute Nacht unsere Reise zurück nach Schweden an. Am Anfang der Tour war es schwer. Wenn du einen Monat lang auf Tour bist und eine Freundin zu Hause zurück gelassen hast, dann vermisst du sie wie verrückt. Jetzt aber macht das Touren richtig Spaß. So läuft das Spiel.
H:
Fühlt ihr nach all den Jahren noch immer so etwas wie Lampenfieber?
E:
Nein, nicht wirklich. Eigentlich überhaupt nicht, würde ich sagen. Ich hab aber so was wie Lampenfieber jedes Mal dann, wenn wir nach einer neuen Set List auf einer Tour spielen. Wir ergänzen ein paar neue Songs und machen eine neue Reihenfolge der Set List. Dann ist es oftmals wirklich hart, weil wir für eine Tour eine Set List nutzen. Manchmal tauschen wir ein oder zwei Songs vielleicht. Meistens klingt es auch wirklich Scheiße beim ersten Mal. Daher sind wir schon ein wenig nervös in solchen Situationen. Aber es ging dann gut. Diesmal spielten wir in Hamburg unser erstes Konzert der Tour.
Ich bin aber auch immer dann ein wenig nervös, wenn wir in unserer Heimatstadt spielen, weil da so viele Fans da sind. Weißt du, sie kritisieren auch immer hart, und man will ja seine engen Freunde auch beeindrucken. So wie heute Abend, ist man einfach nur aufgeregt, auf die Bühne zu gehen.
H:
Da ist ein Song, der für uns Skateboarder damals in den ‘90ern quasi zur Hymne wurde. Ich rede hier über „Use your Nose“. Kannst du mir irgendetwas darüber erzählen, warum der Song geschrieben wurde?
E:
Ja, weil ich den Song geschrieben habe [Erik muss lachen].
Es waren Mathias und ich, die den Text geschrieben haben. Es war einfach nur dämlich. Ich weiß auch nicht. Ich hatte einfach nur die kleine Baseline und den kleinen Ska Riff im Kopf und dann haben wir das ganze in einen Bonus Track für die „Use your Nose“ EP gepackt. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir eigentlich damals bereits den Namen „Use your Nose“ für die EP hatten. Und dann bastelten wir den Song zusammen, so dass beides zusammen passte – Song Titel und EP-Name und entwarfen dann noch das Cover der EP, auf dem ein Skateboarder einen Noseslive am Handrail macht.
Ja, das ist wirklich ein dämliches Lied, aber es drückt einfach nur Spaß an der Sache aus.
H:
Werdet Ihr heute “Use your Nose” oder eines meiner Lieblingslieder “Mr. Clean“ spielen?
E:
Mr. Clean ist ein Lied, das ich geschrieben habe. Wir werden heute Abend Mr. Clean schreiben, nicht aber „Use your Nose“. Eigentlich spielen wir auch „Use your Nose“ live. Wir haben es so 1993/94 gespielt, aber seit dem eigentlich nie wieder, leider.
H:
Das letzte Millincolin-Album “Machine 15” wurde im April 2008 veröffentlicht. Arbeitet Ihr bereits an einem Nachfolgewerk?
E:
Wir arbeiten derzeit nicht an einem neuen Album, aber wir haben schon über “Das neue Album”, wie wir es nennen, gesprochen. Man kann nicht so dicht nach einem neuen Album ein weiteres veröffentlichen. So wird es vielleicht 2 bis 2 ½ Jahre bis zum neuen Album dauern. Ideen für neue Songs gibt es allerdings schon.
Weißt du, „Machine 15“ ist erst etwas mehr als ein halbes Jahr auf dem Markt. Wir werden noch eine Menge mit diesem Album im Gepäck touren.
H:
Hast du mal darüber nachgedacht, eine BYO Split CD aufzunehmen, wie es damals NOFX zusammen mit Rancid getan hat?
E: Nein, eigentlich haben wir noch nicht richtig darüber gesprochen. Brad wollte, dass wir mit Bad Religion eine Split EP aufnehmen, so drei Songs von jeder Band. Ich denke, die Idee war, jeweils einen Coversong und zwei eigene aufzunehmen, aber das ganze passierte nie. Und das ist schon Jahre her. Es war nur mal auf der Diskussionsebene oder so. Allerdings haben wir eine Split EP mit einer befreundeten Band namens Mid Town im Jahr 2000 aufgenommen.
H:
Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus – als Band und für dich persönlich?
E:
Für mich persönlich möchte ich im Skateboarden besser werden, vor allem in meiner Rampe.
Ich meine, wir lieben das und werden es auch weiterhin tun.
Das nächste Album wird das Beste der Welt werden. Das nächste Album wird das beste Millencolin-Album werden, das ist sicher.
Und wir werden das so sehr genießen. Eigentlich ist es heute so viel schöner auf der Bühne zu sein, als es früher war. Ich weiß auch nicht warum. Die Show ist wirklich das Highlight des Tages. Der Plan ist es, die besten Millencolins aller Zeiten zu werden.
H:
Ich möchte dir für das Beantworten meiner Fragen danken und dir und Millencolin alles Gute für die Zukunft wünschen.
Weiterhin hoffe ich, dass die neue Generation von Chemnitz das Konzert rocken wird, so dass du dich in 10 Jahren noch daran erinnern kannst. [Anmerk. d. Interviewers: Das wird er ganz sicher, dann das Publikum tobte beim Konzert der Band.]
Danke noch mal.
E:
Ebenfalls vielen Dank.
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